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Stellungnahme der Berliner Fachrunde gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend

Strohhalm e.V., 2.04.2026

Sehr geehrte politischen oder journalistischen Vertreter*innen,

liebe Lesende,

mit Sorge nehmen wir, die Berliner Fachrunde gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend, die aktuellen Berichterstattungen und Debatten auf politischer Ebene über die Vorfälle und Auswirkungen sexualisierter Gewalt in einem Jugendclub in Neukölln wahr.

Als die Vertreter*innen der spezialisierten Fachberatungsstellen zu sexualisierter Gewalt in Berlin möchten wir daher klar Stellung beziehen und im Sinne von Betroffenen sprechen.
Im Mittelpunkt der Interventionen nach sexualisierter Gewalt muss immer der konsequente Schutz und die Unterstützung der betroffenen Person stehen!

Gerne können wir im Zuge von strukturierter Aufarbeitung auch über pädagogische oder politische Versäumnisse, fehlende Strukturen und passende Auswege sprechen. Diese dürfen jedoch nicht auf dem Rücken von Betroffenen medial ausgeschlachtet oder politisch instrumentalisiert werden.

Die häufig erhobene Forderung nach einer sofortigen Strafanzeige greift aus Kinderschutzperspektive zu kurz. Strafverfahren dauern oft sehr lange und stellen für Betroffene eine erhebliche zusätzliche Belastung dar. 
Zudem liegt die Verurteilungsquote bei sexualisierter Gewalt in Berlin seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau von unter fünf Prozent. Dies macht deutlich, dass eine Strafanzeige nicht dazu dient, eine lückenlose Aufklärung weder der Geschehnisse noch der damit verbundenen Verantwortlichkeiten zu gewährleisten.
Eine Anzeige bei der Polizei kann sinnvoll sein, es besteht hierzu aber keine Pflicht, und diese darf auch nicht zur alleinigen oder vorrangigen Maßnahme erklärt werden. Vor allem führt eine Strafanzeige nicht automatisch dazu, dass eine betroffene Person vor dem Täter und möglichen Racheaktionen geschützt ist. Entscheidend ist das konsequent eingehaltene Verfahren von Kinderschutz in Zusammenarbeit mit und vom zuständigen Jugendamt.

Problematisch ist aus unserer Sicht, dass die Perspektive der Betroffenen in der öffentlichen Berichterstattung bislang kaum berücksichtigt wird.
Eine konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen und Rechten von Betroffenen muss jedoch leitend für alle weiteren Schritte sein.

Mit Sorge beobachten wir zudem Versuche, den Vorfall rassistisch zu instrumentalisieren. Sexualisierte Gewalt ist kein kulturell bedingtes Phänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der kulturelle Hintergrund von Tatverdächtigen ist nicht ausschlaggebend für das Auftreten von sexualisierter Gewalt. Eine solche Verkürzung verstellt den Blick auf notwendige strukturelle Lösungen. Leider könnten wir Ihnen zu jedem kulturellen Hintergrund, jeder familiären Struktur und aus jedem Bezirk Fallbeispiele dazu nennen.

Dringend erforderlich ist nun die Stärkung von Schutzkonzepten und präventiven Maßnahmen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit. Mitarbeitende müssen umfassend geschult werden, um eine Haltung zu entwickeln und Grenzverletzungen frühzeitig erkennen, angemessen reagieren und Betroffene professionell unterstützen zu können. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in den vergangenen Jahren entsprechende Projekte reduziert, eingestellt oder zu spät finanziell unterstützt wurden und werden.

Außerdem sehen wir eine deutliche Lücke im Bereich der kritischen Jungen*arbeit. Es braucht mehr Angebote, die sich pädagogisch mit übergriffigem oder grenzverletzendem Verhalten auseinandersetzen, um Jungen* und junge Männer* frühzeitig in ihrer Entwicklung zu respektvollen Beziehungen zu begleiten.

Wir fordern daher eine sachliche, differenzierte Debatte sowie nachhaltige Investitionen in Prävention, Schutzkonzepte und genügend Ressourcen, um fachliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gewährleisten zu können.

Für all diese Forderungen und deren Umsetzung stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Die Träger der Spezialisierten Fachberatungsstellen in Berlin

Strohhalm e.V.

Wildwasser e.V.

HILFE-FÜR-JUNGS e.V.

Tauwetter e.V.

EJF gemeinnützige AG – Kind im Zentrum (KiZ)

Stellungnahme zum aktuellen Stand der Überarbeitung des Berliner Bildungsprogramms

Strohhalm e.V., 24. 06. 2025

An alle zuständigen Personen,
wir haben die bisherige Überarbeitung des Berliner Bildungsprogramms (BBP) gelesen. Dabei mussten wir feststellen, dass das Thema der Kindlichen Sexualitätsentwicklung, -förderung und -begleitung nicht mehr benannt ist.

Diesen Bereich kindlicher Realität im BBP nicht zu erwähnen ist, gelinde gesagt: Skandalös.

  • Wie sollen Kinder vor sexualisierter Gewalt geschützt werden, wenn das Thema im Kitaalltag konsequent ausgeklammert wird?
  • Wie sollen Kinder über etwaige sexualisierte Gewalterfahrungen sprechen, wenn das Thema Sexualität aus frühkindlichen Bildungseinrichtungen verbannt ist?
  • Wie sollen sie allgemein verständliche Wörter für Genitalien kennenlernen, wenn ihnen dieses Wissen vorenthalten wird?
  • Wie sollen Kinder über etwaige Grenzverletzungssituationen oder sexueller Übergriffserfahrungen sprechen oder diese als solche einordnen, wenn ihnen weder Wissen noch Worte dazu bekannt sind?
  • Wie sollen Kinder im Zuge von Körperentdeckungsspielen ein grenzachtendes Verhalten erlernen, wenn ihnen Wissen um Regeln sowie Grenzen kindlicher Sexualität verwehrt bleibt?
  • Wie soll/kann Identitätsentwicklung begleitet werden,  wenn prägende Identitätsmerkmale wie Geschlecht und Gender nicht thematisiert sind?
  • Wie kann Inklusion gelingen, wenn Kinder im BBP zu geschlechtslosen Wesen diffamiert werden?
  • Wie kann der strukturellen Diskriminierung von trans*, inter* und nonbinären Kindern aktiv entgegengewirkt werden, wenn die sexuelle Identitätsentwicklung aus dem BBP gestrichen ist?

Das BBP soll für alle Pädagog*innen eine Arbeitshilfe für die vielfältigen Anforderungen im Kitaalltag  schaffen. 

Durch das Aussparen der Themen, rund um die Kindliche Sexualität, wird das BBP in seiner aktuellen Fassung  dieser Aufgabe nicht gerecht.

Wir erwarten daher eine weitere Überarbeitung und bieten dabei selbstverständlich unsere fachliche Expertise an.

Medienpräsenz im Fernsehen

Sexueller Missbrauch an Jungen, Ausschnitt aus dem Strohhalm-Workshop
RBB, Sportplatz, 10.10.2010

Sexueller Missbrauch im Sport, Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm „Der Trainer war der Täter“ von Büchner und Klawitter, ARD 2011

Verleihung des Winspiration Day Award an Dagmar Riedel-Breidenstein von Strohhalm e.V.,02.10.2010

Sexueller Missbrauch an Mädchen, Ausschnitt aus dem Strohhalm-Workshop
KIKA, LOGO, 23.02.2010

Prävention von sexuellem Missbrauch
RBB, Himmel und Erde, 06.02.2010

Präventionsarbeit von Strohhalm e.V.
RBB, Klipp und Klar, 02.09.2008

Audiobeiträge

RBB Inforadio, HELIOS-Missbrauch, Wie können Institutionen vorbeugen? 22.12.2010

RBB Inforadio, Abseits, 06.06.2010

RBB Kulturradio, Hörerstreit, 24.03.2010

RBB Kulturradio, Aus Religion und Gesellschaft, 02.2010


Presse

Tagesspiegel, Wie wir unsere Töchter stark machen,19.07.2025

Berliner Morgenpost, Lernen sich zu wehren – Sexueller Missbrauch, Nach den Vorfällen an Schulen rücken jetzt auch die Sportvereine in den Blickpunkt, 09.03.2011

Berliner Morgenpost, Unterhalb der Gürtellinie – Wie Eltern und Erzieher mit „Doktorspielen“ der Kinder umgehen sollten- und ab wann sie eingreifen müssen, 26.10.2010

Bunte, Eine Königin verzaubert München, 17.09.2010
https://www.bunte.de/royals/silvia-von-schweden-eine-koenigin-verzaubert-muenchen-8789.html

Berliner Zeitung, Eine Schlägerei als Rollenspiel, 26.05.2005

Berliner Morgenpost, Selbstbewusstsein schützt, 13.03.2004

Stern, So schützen sie ihr Kind, 46/2003